Beschäftigung mit den eigenen Interessen, Talenten, Werten und Zielen

Immer wieder machen wir im Kontakt mit jungen Menschen die Erfahrung, dass sich die allerwenigsten wirklich mit sich selbst auseinandergesetzt haben. Viele identifizieren sich entweder über die eigene familiäre Vergangenheit oder Gruppenzugehörigkeit, wie beispielsweise Herkunft, Religion, Nation, Sportverein, Bezirk, Subkultur usw. Sehr viele wissen auf die Fragen „Was hast du Lust zu machen?“ oder „Was kannst du?“ keine Antwort. Andere sprechen sich sogar generell die Eigenschaft ab, besondere Stärken oder Talente zu besitzen. All das ist unter anderem ein Produkt eines defizitorientierten Schul- und Gesellschaftssystems, das Menschen viel zu selten nach ihren Interessen und Stärken fragt, geschweige denn diese individuell fördert. Stattdessen etabliert es eine fiktive Leistungsnorm, der sich die Menschen entweder anpassen müssen oder negativ auffallen, wenn sie aus der Reihe tanzen. So wuchsen viele mit einer starken Angst davor auf, nicht normal zu sein, aufzufallen, besonders zu sein. Dass somit alles Herausragende, jede Exzellenz von Anfang an unterbunden wird, ist ein enormes Problem und prägt mindestens eine gesamte sich selbst kleinredende Generation.

Ein zentraler Punkt […] ist es, die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen besonderen Eigenschaften zum Fokus zu machen und zu fördern. Mittels Projekten, Diskussionen, künstlerischen Aktivitäten, beschäftigen sich Teilnehmende mit ihren Interessen, Talenten, Werten und Zielen und bekommen diese sowie auch jeden Erfolg auf diesem Wege kontinuierlich gespiegelt. So entwickelt sich mit der Zeit langsam eine Identität, die nicht auf der Zugehörigkeit zu Gruppen beruht oder von der Vergangenheit anhängig ist, sondern sich vorwiegend auf die eigenen Talente und Fähigkeiten stützt. Damit einher geht der Zugewinn von Selbstbewusstsein (im wahrsten Sinne des Wortes), einem selbstsicheren Auftreten und einer wachsenden kulturellen und gesellschaftlichen Partizipation durch die Entdeckung von Perspektiven und potentiellen Lebenszielen. Der Entwicklungsprozess wird unterstützt mit einem Katalog von Methoden, die dabei helfen, die individuellen positiven Eigenschaften sowie die Fremdwahrnehmung möglichst akkurat wiederzugeben. Dabei folgt die Arbeit dem Prinzip der Stärkenorientierung, in der die Schwächen keine Rolle spielen. Diese sind den meisten jungen Menschen aus ihrem Erfahrungsspektrum ohnehin schon viel zu bewusst.

Eine zweite wichtige Seite der Selbstwissenschaft betrifft die Dozent*innen, Lernbegleiter*innen und Sozialarbeiter*innen selbst. Für diese ist es Bedingung, sich mit den eigenen Stärken, Werten und Zielen intensiv auseinanderzusetzen. Das ist die Basis für die fachgerechte Begleitung von anderen bei einem solchen Prozess. Die Beschäftigung findet in regelmäßig stattfindenden Runden, Seminaren oder auch Fortbildungen statt, sowie durch die Konfrontation mit der entsprechenden Fachlektüre.

 

Auszug aus dem Jahresbericht 2017/2018