Wie wir arbeiten


Wir wir arbeiten

Lernen – wie ihr es wollt
[…]Bildung meint im Ergebnis einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig ist, sein Leben erfolgreich zu gestalten. […] 1

Wir treffen Jugendliche oft dann, wenn ihre Bildungsbiographie schon Ecken, Kanten und Lücken aufweist. Dann, wenn sie nicht da sind, wo sie sein sollten: in der Schule, ihren Ausbildungsstätten und den unzähligen Maßnahmen, in die sie gesteckt werden. Wir treffen sie auf der Straße. Im öffentlichen Raum.

Neben allen sozialen Problemlagen berühren uns v.a. auch die jungen Menschen, die keinen Fuß (mehr) im herkömmlichen Bildungssystem fassen können oder wollen und denen somit wichtige Zugänge, sich in unsere Gesellschaft einzubringen, verwehrt bleiben. Das sind durchaus talentierte junge Menschen, Menschen mit Inselbegabungen, Jugendliche, deren Stärken von kaum jemandem wahrgenommen oder gefördert wurden.

Dabei erleben wir gerade in der Projektarbeit – ganz gleich, ob die Jugendlichen sich mit Hingabe dem Schreiben von Rap-Texten widmen, eine Reise in ein ihnen unbekanntes Land vorbereiten, ein altes Auto wieder flott machen oder gemeinsam eine Kollektion fertigstellen – wie konzentriert und ausdauernd diese jungen Menschen sich einer Tätigkeit widmen. Wir erleben Freude am Lernen, Wissbegier und persönliche Erfolge. Bei den gleichen Jugendlichen, die in unserem herkömmlichen Bildungssystem gescheitert sind. Was den Rückschluss zulässt: An ihnen (allein) kann es nicht liegen.

Seit Jahren erleben wir diese Prozesse. Und aus dem lapidar dahin geworfenen Satz „Wir sollten eine Schule aufmachen“ ist ein Projekt entstanden: das STREET COLLEGE.

Das STREET COLLEGE ist eine Plattform für selbstbestimmte und individuelle Lernziele.

Es setzt konsequent an den Interessen der Jugendlichen und (jungen) Erwachsenen an. Diese liegen vorwiegend im Bereich der kulturellen Bildung.

Aufgrund unserer Erfahrung, zusammen mit den neuesten Erkenntnissen der Lernforschung und mit den Grundsätzen von Gangway e.V. – bedarfsorientiert, individuell und eigenverantwortlich – ergeben sich folgende Leitlinien, die wir im SC umsetzen:

Im Zentrum steht der Bedarf der Lernenden
Das bedeutet, dass die Kurse, die im SC entstehen, ausschließlich aus dem Bedarf der Lernenden erwachsen und somit im Zentrum des Denkens und Handelns stehen. Sie bestimmen auch innerhalb der Kurse was sie lernen wollen, was den Bildungsprozess per se als prozesshaft, künstlerisch-experimentell und ergebnisoffen definiert. Hier verwirklicht sich auch die dialogische Weiterentwicklung der (Kulturellen) Bildung, oder wie Paolo Freire schrieb: die Schüler-Lehrer-Beziehung, die den Dialog als Grundelement von Bildungsprozessen begreift. Die Lernenden bringen ihr Wissen und ihre Kultur als Ressource mit in den Bildungsprozess ein. Das Lehren wird nicht (mehr) als das „Füllen von leeren Gefäßen“ betrachtet.

Ob dieser Bedarf nun dem Wunsch nach einer beruflichen Perspektive entspringt, dem Willen nach künstlerischem Selbstausdruck oder einem schlichten Interesse für ein Thema, ist uns egal. „Egal“ im Sinne von „gleichwertig“.

Gelingende Lernprozesse brauchen selbstbestimmte Ziele
Was alle erfolgreichen und glücklichen Menschen eint, das ist, dass sie ein klares, selbstbestimmtes und (für sie) emotional bedeutsames Ziel vor Augen haben; darin sind sich die Positive Psychologie und die Lernforschung einig. Unsere Ziele stellen die Verwirklichung unserer Werte dar und bilden somit die Grundlage unserer Motivation. Das, was uns antreibt. Um Lernende gerade in schwierigeren Phasen des Lernprozesses zu ermutigen „dranzubleiben“ ist es unerlässlich, ihre Motive zu kennen, um sie daran erinnern zu können. Diese zu erkennen stellt eine Herausforderung für die Lernbegleitenden dar, zumal mit (jungen) Menschen die auf die Fragen: „Was macht dir Spaß? Was kannst du gut? Was wünschst du dir?“ oftmals nur ein müdes Achselzucken übrig haben. Und das bei weitem nicht, da sie nicht über Talente verfügen oder keine Träume haben, sonder schlicht, weil ihnen diese Fragen in ihrem Leben nie gestellt wurden. So gleicht es einer Detektivarbeit, die feinen Anzeichen von Freude zu erkennen, oder hinter Sätzen wie: „Ich will einen schönen Rock haben“ und einem trotzigen „Ich hab halt auch was zu sagen“ die tieferen Beweggründe und Motivationen der Teilnehmenden herauszuarbeiten.

Individuelles Lernen setzt an den Stärken der Einzelnen an
Entgegen allen Wissens ist unsere (Lern)Kultur noch immer stark defizitorientiert. Da helfen auch all die Geschichten erfolgreicher Menschen, die in dem Moment aufgeblüht und zu wahrer Meisterschaft gelangt sind, indem sie sich in ihren Stärkenbereichen einer Tätigkeit vollkommen widmen konnten, nicht. Da unsere Zielgruppe meist wenig positives Feedback erhalten hat für das was sie sind und können, erfordert auch das Ent- und Aufdecken der individuellen Stärken Geduld, einen geschulten Blick und methodisches Know-How. Die Summe unserer Stärken bestimmt auch, WIE wir am Besten lernen. Eher in einer ruhigen oder stimulierenden Umgebung, alleine oder in Kommunikation, haptisch oder visuell, morgens oder abends, klar strukturiert oder eher einem bunten Strauß entsprechend, aus dem wir auswählen.

Die Lernumgebung bietet den unterschiedlichsten Bedürfnissen Raum und drückt Wertschätzung aus
“Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein”. Um sich wohl zu fühlen braucht es eine Umgebung, in der man sich frei von Zwängen fühlt und sich so geben kann wie man ist. Besser noch, in der man Wertschätzung erfährt dafür, wie und was man ist. Um sich dann auch noch mit Freude dem Lernen zu widmen braucht jeder Mensch einen unterschiedliche Rahmen und die geeigneten Ressourcen. Das kann das „echte“ Musikstudio in Kreuzberg sein oder der Nachbarschaftsladen im Wedding, das Atelier am Halleschen Tor oder die Sprachschule von gebaerdenservice.de. Das sind flexible Seminarräume in Mitte oder die Bühnen dieser Stadt. Das ist eine Favela in Sao Paulo oder eine Uni in New York.

Das ist auf jeden Fall immer genug Essen und Trinken in greifbarer Nähe und sind Menschen, die ein aufrichtiges Interesse zeigen.

Lernen ist Beziehungsarbeit und braucht eine Kultur der Anerkennung
Lernen ist immer auch Beziehungsarbeit. Wie wir mittlerweile wissen, lernen wir zu einem großen Teil über Nachahmung. Unsere Spiegelneuronen werden aktiviert, sobald wir an einer Sache interessiert sind. Wir lernen quasi „spiegelnd“. Zuschauen, nachahmen, selber machen, reflektieren – um dann wieder in Aktion zu treten. Damit dieser Prozess erfolgreich vonstatten gehen kann, braucht es Vorbilder – Lernbegleiter*innen – die wir sympathisch finden, die wir akzeptieren, die uns etwas zutrauen und uns wertschätzen. Es braucht Vorbilder die „echt“ sind, also Künstler*innen, Expert*innen aus den entsprechenden Domänen, die für ihre Sache brennen. Menschen, die sich ebenfalls in (lebenslangen) Lernprozessen befinden.

Wir brauchen eine Kultur der Anerkennung als wesentlichen Faktor in der Lern-Beziehung; den Dialog auf Augenhöhe der „den anderen“ gerade im Einbringen seiner Kultur(en) als Bereicherung erfährt; die Diversität einer Gruppe, innerhalb derer jede*r Lernende*r und Lehrende*r gleichzeitig sein kann.

Eine Besonderheit des SC stellt das Miteinander von fachlicher und pädagogischer Begleitung dar. Hierdurch wird die Ganzheitlichkeit des Lernprozesses gewährleistet und die Lernenden erfahren die Unterstützung, die sie brauchen um sich auf ihre Ziele konzentrieren können.

Die Verwirklichung dieser Leitlinien des STREET COLLEGE setzt ein hohes Maß an personellen Ressourcen, eine hohes Maß an Flexibilität seitens der Lernbegleitenden voraus sowie den Wunsch und das Erkennen der Notwendigkeit, neue Wege im Bereich der (Kulturellen) Bildung zu gehen.

[…]Kulturelle Bildung […] bezeichnet den Lern- und Auseinandersetzungsprozess des Menschen mit sich, seiner Umwelt und der Gesellschaft im Medium der Künste und ihrer Hervorbringungen. Im Ergebnis bedeutet kulturelle Bildung die Fähigkeit zur erfolgreichen Teilhabe an kulturbezogener Kommunikation mit positiven Folgen für die gesellschaftliche Teilhabe insgesamt.[…] 2

Erst durch die Erfüllung des ganzheitlichen Bildungsbegriffes werden Autonomie, Eigenverantwortlichkeit und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.

Innerhalb dieser offenen und partizipativen Struktur, die den Bedarf der Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, sind Diversität, Inklusion, Interdisziplinarität und Transkulturalität immanent. Die Lernenden treffen, aufgrund eines gemeinsamen Interesses, aufeinander. Sie erleben „das Andere“, ganz gleich ob dies nun einen kulturellen Hintergrund, die Altersklasse oder eine andere Besonderheit meint, als Bereicherung – vielleicht sogar auf dem Weg zu einem gemeinsamen Ziel, welches sich im Laufe des Arbeitsprozesses herauskristallisiert. Sie kennen das, da sie selbst oft genug „die Anderen“ waren. Durch solche Begegnungen und Veranstaltungen wie Platzda gehen sie in Kontakt mit anderen Disziplinen der Kulturellen Bildung.

Das weite Feld der Kulturellen Bildung und die dadurch (er)lebbaren kulturellen Praktiken bieten somit nicht nur einen Zugang zu Bildungsprozessen für alle. Denn da jede*r Kultur hat und diese sich in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung andauernd weiterentwickelt – [stellt] die Begegnung mit den Künsten [auch] eine fundamentale Bereicherung für alle Lernbereiche dar, wenn die Künste experimentell und nicht funktionalisiert integriert werden.3

Alles kann. Nichts muss.

1 Karl Emert, Artikel „Was ist kulturelle Bildung“; bpb
2 Karl Emert, Artikel „Was ist kulturelle Bildung“; bpb
3 Positionspapier Denkwerkstatt 2014

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